Königswürde oder -bürde?
Schützenwesen in der Krise: Tradition contra Reformen
„Vereine geben ihren Königen zu viele Verpflichtungen auf“
(rai). Schützen ohne Majestäten - In der laufenden Schützenfestsaison 2004 schafften es allein im Landkreis Harburg drei Schützen vereine nicht, einen neuen König zu präsentieren. Was schon seit ein paar Jahren immer mal wieder passierte, scheint beinahe zur Normalität zu werden. Die Vereine bekommen das Grundproblem offenbar nicht in den Griff. Zwei gewichtige Argumente halten die Vereinsmitglieder davon ab, um die Königswürde mitzuschießen: König zu sein ist teuer und kostet enorm viel Zeit, dafür sorgen die vielen Pflichttermine der Majestäten. Und so viel Zeit und Geld haben eben immer weniger Menschen. Das weiß auch Andrea Fieberg, Schriftführerin beim Schützenververbanband Hamburg. "Es ist ein schwieriger Gang zwischen Tradition und zeitgemäßen Reformen", sagt sie. Konkretes Beispiel: Viele Schützenvereine feiern ihr Schützenfest traditionell vier oder gar fünf Tage lang, Königsschießen und Proklamation ist oft erst am Montag. "Es ist in der heutigen wirtschaftlichen Situation schwieriger geworden, nicht alle haben die Möglichkeit, zum Arbeitgeber zu gehen und dafür frei zu bekommen", sagt Andrea Fieberg. Vernunft steht gegen Herz, ihr Schützenverein Buchholz hat sich noch nicht durchringen können, auf den traditionellen Montag zu verzichten. "Da würde mir auch etwas fehlen". Gedanken macht man sich auch im Landkreis Stade, obwohl in diesem Jahr bisher alle Vereine eine neue Majestät präsentieren konnten. "Im vergangenen Jahr gab es zwei mal keinen König", erinnert sich Henning Tegtmeyer, Vizepräsident des Bezirksschützenverbandes Stade. Aus seiner Sicht steckt kein finanzielles Problem dahinter: "Königskassen und -versicherungen gibt es ja schon lange, aber viele Vereine geben ihren Königen zu viele Verpflichtungen auf." Generellen Reformbedarf sieht Tegtmeyer für den Landkreis Stade noch nicht, die Verantwortung liege bei den Vereinen: "Wo sie keinen König haben, müssen sie darüber nachdenken, woran es liegt." Als die ersten Vereine vor Jahren ohne König dastanden, glaubten viele noch an einen heilsamen Schock. Inzwischen scheint man sich vielerorts damit abzufinden. "Die anderen Vereine haben das ja auch schon erlebt", heißt es oft. Und es wird zur Tagesordnung übergegangen. So zumindest der Eindruck, den Außenstehende gewinnen. Die Verantwortlichen in den Vereinen dementieren. Man wisse, daß man umdenken müsse, allein das Tempo der Veränderungen sei strittig. In Buchholz ist man gerade dabei, zusammen mit Nächbarvereinen ein Reformkonzept' anzuschieben. Die Eckpunkte: Der Verein zahlt dem Schützenkönig beispielsweise den Kommers. Und der Vizekönig nimmt der Majestät einen Teil der Repräsentationspflichten ab. Einen anderen Ansatz hat man in Nenndorf verfolgt. Hier dürfen inzwischen auch Frauen um das Königsamt mitschießen - die Resonaz hält sivch aber sehr in Grenzen. Fazit: Ideen gibt es einige - ein erfolgreich Reformkonzept mit Vorbildcharakter fehlt bislang noch.
Text entnommen dem Stader Wochenblatt vom 7. Juli 2004 |